Tauerngold: Goldadern der Alten Welt

In den österreichischen Tauern lagen einst ein paar der größten Goldadern der Alten Welt. Heute kann man beim Goldschürfen in den klaren Gebirgswässern um Rauris nach den glänzenden Resten des großen Alpengoldrausches suchen.

Blick auf das Rauristal
Das Goldtal der Hohen Tauern
© Shutterstock

Das Tal, das gegen Ende hin kaum enger wird, liegt in den Salzburger Ausläufern des mächtigen Tauerngebirges, das auch die Bundesländer Kärnten und Tirol umfasst. Es heißt Rauristal und beginnt in Taxenbach, nahe Zell am See, führt über den auch im Winter eher ruhigen Skiort Rauris hin nach Kolm-Saigurn, von wo man mit dem Auto über 1500 Meter hoch zur Sonnblickbasis fahren kann. Von hier steigt man weiter zu den Knappenhäusern auf 2339 Meter Höhe auf, die jenen Kumpeln ein Dach boten, die hier vor rund 300 Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Gold schürften. Willkommen im Klondyke der Alpen.

Birgit und Felix sind aus dem Badischen Denzlingen angereist. Beide haben sich im Jahr ihres gemeinsamen dreißigsten Geburtstags eine Woche Goldschürfen geschenkt, hier, am unwirtlichen Ende des Rauristals. Sie wohnen ein paar Kilometer bergan im Ammererhof, das Mittagessen nehmen sie täglich im Alpengasthof Bodenhaus ein.

Es gibt herrliche Wanderwege hier im Kolm-Saigurner-Naturpark. Rein ins Hohe Tann, rauf auf leicht erreichbare Gipfel. Es gibt sogar einen Wasserfall am Berg, den man auf einer spektakulären Hängebrücke überqueren kann. 

Doch Birgit und Felix bleiben immer am selben Ort, stehen immer an denselben Ufern der Hüttwinklache und sieben nach Gold. Heute sieben sie schon den vierten Tag, doch Edelmetall ist immer noch keines dabei. Reicht die Geduld? „Wird schon noch“, sagt Felix und geht mit seinem Sieb in die Hocke, die nackten Füße tief ins kalte Bachwasser getaucht. „Und wenn's nix wird, so hatten wir hier immerhin ´ne prima Kneipp-Kur“, lacht Birgit.

Goldnuggets aus dem Fluss in den Hohen Tauern

Das sagenumwobene Tauerngold lockt viele Touristen in die Region

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“, lässt Geheimrat Goethe seine Magarete im Faust von 1808 sinnieren. Mit dem Nachsatz: „Ach wir Armen.“ Goethes Seufzer ist zwar gesellschaftliche Kritik an der Gier, beinhaltet aber eine selten verinnerlichte Wirklichkeit: Beim Goldschürfen, egal wann, egal wo, und auch hier in den Tauern, blieben die meisten Glückssucher arm. Reich wurden nur wenige -  meistens die, die als Erstes vor Ort waren und ihre Gebiete früh abstecken konnten.

Der 1. Goldrausch: Römische Schätze

Die Römer, die so gut wie alles entdeckten, was heute noch kulturellen Wert hat, bemerkten um 150 vor Christus, dass der Bach durch das damals unbesiedelte Tal Goldnuggets anspülte, die man nicht einmal aussieben, sondern einfach nur aufsammeln musste. Als genug gesammelt war, zwanzig Jahre später, schickte Rom ganze Schürftrupps in Richtung Rauriser Alpen, denn hier, im Berg, lag jenes Vermögen, das zukünftige Kriegszüge ermöglichte. Es gibt leider nur wenige Aufzeichnungen aus der Region in der Römerzeit, doch nach Schätzungen italienischer Historiker wurde in den Stollen neben der Hüttwinklache eine Zeit lang fast ein Zehntel des gesamten römischen Goldschatzes abgebaut.

Im Rauristal kehrt Ruhe ein

Das Seltsame am Römischen Reich war sein Vergehen. Mit ihm verging auch eine etablierte Zivilisation und all ihre Künste – auch die Bergbaukunst. Was nicht verging, war das Gold im Rauriser Tal, das nun wieder einige hundert Jahre Ruhe hatte, bevor neue Menschen kamen, deren Augen im Reflex des Goldes zu glänzen begannen.

Jetzt aber glänzen einmal die Augen von Birgit und Felix, denn das Paar hat ein paar kleine Brocken aus dem Sand gesiebt, die tatsächlich nach Gold aussehen. In Rauris wird das dann von den Veranstaltern der Schürfreise geschätzt: Immerhin rund 36 Euro, also ein zünftiges Mittagessen im Alpengasthof nebenan. Zum Reichwerden langt das aber noch lange nicht. Doch Reichwerden hat das junge Paar aus Deutschland auch gar nicht im Sinn, ihm geht es vor allem um die Spannung des Schürfens. „Das schult den Blick“, sagt Felix und Birgit ergänzt, dass das Sitzen und Sieben auch eine meditative Komponente hat.

Der 2. Goldrausch: Goldabbau für Unbekannt

Im 15. Jahrhundert, als Europas Zivilisation wieder eine ähnliche Hochkultur wie jene des Römischen Reichs erreicht hatte, begann man in der Umgebung von Rauris und am Ende des Tals erneut mit dem Abbau von Gold. Auf welches Geheiß lässt sich in der Recherche nicht herausfinden. War es ein Fürst, war es die Kirche, waren es vielleicht sogar die Habsburger, die hier erneut den Startschuss gaben? Keiner kann das korrekt beantworten.

Das Goldtal der Hohen Tauern blüht auf

Tatsache aber ist: Mir diesem zweiten Goldrausch begann das Rauristal zum ersten Mal aufzublühen. Zu den Goldschürfern, die meist im Freien übernachteten, gesellten sich schnell Goldhändler, die die Funde mit Goldmünzen bezahlten - oder auch mit profanen Vorräten. Die Händler brachten die Verwalter der Claims mit in das Tal, und Wirte, die Wirtshäuser hochzogen. Nicht wenige Händler gründeten hier ihre Familien und bauten sich massive Steinhäuser in die Ebene, auf deren Fundamenten Teile der heutigen Ortschaften stehen.

Ruine eines Goldhändlerhauses

Ruine eines typischen Goldhändlerhauses am Hohen Sonnblick in den Hohen Tauern

Rauris wird Heimat

Das goldene Tal der Tauern wurde so ein früher Hort alpiner Zivilisation, eine Feuerstelle im Unwirtlichen und Heimat für viele tausend Menschen. Die Knappen schlugen über die Jahre rund 35 Kilometer Stollen in die Berge, einer davon soll sogar im parallel laufenden Gasteinertal durchgestoßen sein. Wahr aber auch: Die gesamte Jahresausbeute an Gold, die die 3 bis 5000 hier schürfenden Bergkumpel ans Tageslicht holten, überstieg selten 15 bis 20 Kilogramm - eine Menge also, die eine kräftige Person im Rucksack befördern kann.

Was wenig klingt, war im Angesicht der damals kursierenden Goldmenge viel. Hauptabnehmer waren die Kirche, die ihre Monstranzen und Pseudoreliquien verzierte und der Staat, der Gold zum Prägen seiner wertvollsten Münzen suchte.

Die dunkle Epoche des Tauerngoldes

Im 16. Jahrhundert jedoch, in der dunklen Epoche der kleinen Eiszeit und der Pest, endete der Goldabbau im Tal abrupt, als einige schnee- und eisreiche Winter die Stollen, die ja oft von Wasserläufen durchzogen waren, quasi zufrieren ließen. Alle Feuer der Welt vermochten die kalte Hölle im Berg nicht für den Abbau wiederzubeleben. Zudem stieg die Menge der weltweiten Goldförderplätze rapide an, deren Schwerpunkt jetzt in der Neuen Welt, in Amerika und Lateinamerika lag. Wegen 15 bis 20 Kilo jährlichen Goldes wollte sich keiner mehr diese Unbill antun. So verschwand das ganze Fußvolk wieder, das hier fast zweihundert Jahre lang den österreichischen Wilden Westen verkörperte. Mit Gasthäusern statt Saloons. Und Kirchen statt Bordellen. 

Aus den Händlern, die blieben, wurden wohlhabende Bauern. Und ein paar Versprengte versuchten weiter ihr Glück, sie holten bis Ende des 17. Jahrhunderts noch ein paar Kilo aus den Bergen. Als aber die weltweite Goldmenge zur Zeit Maria Theresias eine fast schon inflationäre Größe erreicht hatte, schürften nur jene weiter, die – wie heute – ein Hobby daraus machten.

Goldwaschen im Rauristal

Die Liebe zur Natur und die Freude über jeden Fund treiben die Goldwäscher von heute an

Der Gold-Digger der Hohen Tauern

Nicht ganz 100 Jahre später, in den 70ern des 19. Jahrhunderts, holte sich der ehemalige Bergbauernbub und Hirtenjunge Ignaz Rojacher, ein tiefgläubiger Katholik, seinem Gott vertrauend, und nicht gering frech neue Schürfrechte beim Verwalter des Tals ab und begann dort weiterzumachen, wo alle resignierend aufgehört hatten. Rojacher und seine Leute, die er bald anheuern konnte, stießen auf übersehene Gesteinsadern und holten Jahr für Jahr durchschnittlich 18 Kilo reines Gold, 35 Kilo reines Silber und fünfzig Kilo Bergkristalle aus den Stollen. Der Mann, den sie hier „Kolm-Naz“ nennen, ist heute noch Held des Tals – und der wohl für alle Zeiten erfolgreichste Gold-Digger der Tauern.

Das Ende des kommerziellen Goldabbaus

Der dritte Goldrausch im Tal ging zwischen 1888 und 1894 zu Ende. Danach kamen die Resteverwerter vorbei, die das Gold mit Dynamit und zuletzt, 1984, mit Natriumcyanid gewannen. Da aber wurde die Tauernregion von der österreichischen Regierung zum Nationalpark ernannt, mit dem sich mehr Geld verdienen lässt als mit Gold. Und mit dem nun folgenden Naturtourismus endete die Epoche der kommerziellen Goldsuche im Rauristal.

Es ist 19 Uhr und Birgit und Felix besteigen ihren Kombi, um in ihr Hotel zu fahren. „Die warten dort nicht mit dem Abendessen“, lacht Birgit. Vier Tage bleiben ihnen noch hier, bevor es durch den Arlbergtunnel und durch die Schweiz wieder zurück nach Freiburg geht. 36 Euro sind schon in der Goldkassa, recht viel, wie beide zu hören bekamen. Was haben sie sich als Ziel gesteckt? „Hundert Euro wären schon fein“, sagt Felix. „Unrealistisch“, lacht Birgit, „dafür haben wir hier etwas anderes bekommen. Eine ruhige Woche in schöner Natur.“


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