Das Handwerk des Vergolders

Handwerkliches Geschick, Fingerspitzengefühl und eine Portion Kreativität – Fähigkeiten, die dem Beruf des Vergolders und Staffierers genauso wenig fehlen sollten wie ein grundlegendes Interesse an Kunst- und Kulturgeschichte. Waltraud Luegger übt dieses alte Handwerk aus. Sie sieht es als Aufgabe, historische Stücke zu erhalten und ihnen wieder den Glanz zu verleihen, den sie verdienen. Uns gibt sie Einblicke in ihre liebsten Arbeiten und erzählt von ihrer Leidenschaft für das Traditionshandwerk.

Vergolderin Waltraud Luegger in ihrem Atelier
Waltraud Luegger übt das Traditionshandwerk des Vergoldens aus
© Matt Observe

Betritt man das Atelier von Waltraud Luegger in der Goldeggasse in Wien, taucht man in eine andere Welt ein – eine Welt, in der sich alles um hauchdünnes Gold dreht. Waltraud Luegger übt das Handwerk des Vergolders und Staffierers aus. In ihrem Atelier GoldRichtig türmen sich Bilderrahmen, Kreuze, Möbel, Kerzenständer und Kachelofen-Vasen, die sie im Auftrag ihrer Kunden sorgfältig und behutsam reinigt und durch neue Vergoldung wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt.

Was machen Vergolder?

Der Beruf des Vergolders und Staffierers ist sehr alt. Schon im antiken Ägypten beherrschte man die Kunst, Objekte mit dünn gewalztem Gold zu ummanteln. Auch an der Technik und dem verwendeten Werkzeug hat sich seither nicht viel verändert. Wurden in früherer Zeit hauptsächlich religiöse Kultobjekte vergoldet, werden heute neben Kirchen und sakralen Gegenständen auch Bilderrahmen und Möbel oder auch ganze Wände vergoldet oder/und restauriert. Der Kreativität sind dabei wenige Grenzen gesetzt. „Wir können Holz, Kunststoff, Glas, Mauerwerk, lackierte Oberflächen und Metalloberflächen wie Kirchtürme vergolden“, erklärt Vergolderin Luegger. Sie selbst hat auch schon Bartheken, Kleiderpuppen und Fußbälle vergoldet.

Vergoldung eines Objekts

Beim Vergolden ist handwerkliches Geschick und Fingerspitzengefühl gefragt

Leidenschaft für ein Traditionshandwerk

Waltraud Luegger hatte schon recht früh Interesse an dem Traditionshandwerk entdeckt, allerdings ohne es konkret benennen zu können. „Ich bin in der Steiermark aufgewachsen und war als Kind bei der Jungschar. Unsere Kirche war sehr schön, aber leider nicht mehr in gutem Zustand. Auf der Kanzel haben die Zehen der Engel gefehlt, und alles war etwas düster und irgendwie staubig und schmutzig. Ich habe mir dann immer gedacht, es muss doch einen Beruf geben, bei dem man das wieder herrichten und in den Originalzustand bringen kann. So bin ich auf die Idee gekommen, dieses Handwerk zu erlernen“, erzählt Luegger. In ihrer dreijährigen Ausbildungszeit lernte sie nicht nur Vergolden, sondern auch Staffieren, also die Arbeit an Heiligenfiguren – womit sie letztendlich auch so manchem Engel wieder zu Antlitz und neuer Pracht – und wohl auch zu Zehen – verhalf. Nach der Gesellenprüfung übersiedelte sie nach Wien und arbeitete bei einer Firma, deren Augenmerk auf Bauvergoldungen lag. „Ich habe in dieser Zeit im Schloss Schönbrunn, in der Hofburg, im Musikverein, im Konzerthaus und im Palais Coburg Vergoldungen gemacht. Auch im Büro des österreichischen Bundespräsidenten habe ich gearbeitet, zum Beispiel an der berühmten Tapetentür“, erinnert sich Waltraud Luegger.

Das eigene Atelier

2004 beschloss sie, sich selbstständig zu machen und ihre Arbeit mehr ins Atelier zu verlegen. Aber auch ihre Liebe zu modernen Oberflächen ließ sie nicht los, und so stammt unter anderem die Deckenvergoldung in der Lobbylounge des Hotel Ritz Carlton Wien von ihr. „Es war mir immer wichtig, dass wir nicht nur mit alten Sachen zu tun haben, sondern auch Vergoldungen mit Designern und Künstlern gestalten“, so Luegger. Das schönste Projekt, an dem sie in letzter Zeit gearbeitet hat, war für das Residenzschloss in Dresden. Gemeinsam mit einem oberösterreichischen Hafnermeister wurden zwei barocke Kachelöfen nach einem Foto von 1920 nachgebaut und vergoldet. Die Kachelöfen sind seit einem Jahr im Residenzschloss zu bewundern. „Wir haben etwas wieder erschaffen dürfen, das in ganz Europa einzigartig ist! Etwas, das schon einmal vor langer Zeit gemacht wurde. Wir durften sozusagen dasselbe mit denselben historischen Methoden noch einmal machen. Das liebe ich an meinem Beruf“, erklärt Waltraud Luegger.

Waltraud Luegger in ihrem Atelier GoldRichtig

Dank ihres Einsatzes wurde der Beruf des Vergolders zum UNESCO-Kulturerbe

Arten von Vergoldung

Die Techniken der Vergoldung sind seit Tausenden von Jahren gleich. Man unterscheidet grundsätzlich zwei Arten der Vergoldung:

1. Die Polimentvergoldung

Mit der Polimentvergoldung sind mindestens 14 Arbeitsgänge verbunden. Man verwendet dabei auch sehr alte Materialien wie Hasenhautleim, der als erster Arbeitsgang meist auf Holzoberflächen aufgestrichen wird. Als Nächstes wird circa sechs Mal Kreidegrund aufgebracht, danach wird händisch geschliffen und präpariert. Maschinen können nicht verwendet werden, da ansonsten der Hautleim warm und weich wird, wenn man ihn zu schnell bewegt. Als nächstes kommt gelbes und rotes Poliment auf die Stelle, die man vergolden möchte, und wird leicht anpoliert. Danach wird das Blattgold, das nur Zehntausendstel Millimeter dick ist, mit dem „Oachkatzlschwoaf“ (Eichhörnchenhaarpinsel) aufgetragen. Als letzter Schritt wird die Vergoldung mit dem Achatstein händisch Millimeter für Millimeter poliert (dort, wo es nicht glänzen soll, wird sie matt gelassen). Diese Methode ist nur für Innenräume, Bilderrahmen und dergleichen geeignet, da der Kreidegrund wasserlöslich ist.

2. Die Ölvergoldung

Die andere Art ist die Ölvergoldung. Für diese Vergoldungsmethode wird Kleber aufgetragen. Nachdem dieser leicht angetrocknet ist, wird Blattgold aufgebracht. Für diese Technik können echtes Gold, Blattmessing, Blattaluminium, Blattkupfer oder Blattsilber verwendet werden. Die Methode mit echtem Blattgold kommt zum Beispiel bei Außenvergoldungen zum Einsatz.

Werkzeuge eines Vergolders

Diese Werkzeuge kommen beim Vergolden zum Einsatz

Welches Gold wird beim Vergolden verwendet?

Doch ist tatsächlich alles Gold, was glänzt? „Vergolder in Österreich verwenden üblicherweise 23-karätiges Gold. Karatzahl und Farbe des Goldes sind jedoch nicht in jedem Land gleich. So gibt es auch französisches Gold oder Versaillesgold, auch in Amerika werden andere Goldsorten oder Goldlegierungen verwendet. Das verwendete Blattgold ist nur Zehntausendstel Millimeter dick. Für Außenvergoldung werden 23,5 bis 23,75 Karat verwendet, denn alles, was weniger hat, beginnt zu oxidieren, da zu viel Silber- oder Kupferanteil dabei ist.“

Mein Handwerk ist ein allgemeines Gut in Österreich, denn in jedem Dorf steht eine Kirche, in der sicher etwas vergoldet worden ist. Wenn niemand mehr die historischen Materialien verwendet und die historischen Techniken anwendet, dann geht das alles verloren.
Vergolderin Waltraud Luegger

Beruf des Vergolders ist UNESCO-Kulturerbe

Neben den täglichen kleineren und großen Herausforderungen ihres Berufs engagiert sich Waltraud Luegger als Berufsgruppensprecherin der Vergolder und Staffierer in Wien seit 2015 auch auf breiterer Ebene für ihr Handwerk. So hat sie, um auf ihren Beruf aufmerksam zu machen, das Handwerk des Vergolders und Staffierers in Österreich bei der UNESCO als „Immaterielles Kulturerbe“ eingereicht. „Einige Monate später haben wir die Zusage bekommen. Damit waren wir das erste lebende Handwerk, das diese Auszeichnung erhalten hat. Es war mir wichtig, das zu schützen, damit es lebendig bleibt und durch die Lehre an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann. Mein Handwerk ist ein allgemeines Gut in Österreich, denn in jedem Dorf steht eine Kirche, in der sicher etwas vergoldet worden ist. Wenn niemand mehr die historischen Materialien verwendet und die historischen Techniken anwendet, dann geht das alles verloren“, betont Waltraud Luegger.


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