Was ist ein Goldenes Zeitalter?

Sein seltenes Vorkommen, sein besonderer Glanz und seine außergewöhnlichen Eigenschaften verleihen dem Gold eine besondere Bedeutung. Was liegt also näher, als die Glanz- und Blütezeit einer bestimmten Epoche, einer Kunstform oder eine Periode wirtschaftlichen Wohlstandes mit dem Begriff „golden“ zu veredeln?

Die Goldenen 20er Jahre
Die goldenen 1920er-Jahre führen die Idealisierung von Vergangenem vor Augen: Wirklich gut ging es damals den wenigsten Menschen
© Scherl / SZ-Photo / picturedesk.com

Im „Goldenen Zeitalter“ erreicht eine Kultur, eine Phase oder ein Phänomen ihre Vollendung oder ihre stärkste Wirkung. So spricht man beispielsweise von den „Goldenen 20er-Jahren“, einem „Goldenen Zeitalter Hollywoods“ oder der „Goldenen Ära der Supermodels“. Doch schon Benjamin Franklin kannte den Haken: „Das Goldene Zeitalter ist nie das heutige.“ Denn als „golden“ wird ein Zeitalter oft erst Jahre oder gar Jahrhunderte später bezeichnet.

Ursprung in der Antike

Das Paradies als Mythos des Goldenen Zeitalters in der Antike

Paradiesische Zustände: In frühen Zeiten lebten die Menschen in Frieden und im Einklang mit der Natur

Der Mythos des Goldenen Zeitalters entstand in der Antike und durchlief im Laufe der Zeit einen gewissen Wandel. Jeder Erzähler oder Dichter fügte einen Aspekt hinzu, der ihm selbst wichtig war. In der antiken Mythologie war ursprünglich die ideale Vorzeit gemeint. Der griechische Dichter Hesiod (um 700 v. Chr.) schildert sie im Lehrgedicht „Werke und Tage“ als paradiesischen Allgemeinzustand, fern von politischen oder sozialen Problemen. Allerdings spricht er nicht von einem Goldenen Zeitalter, sondern nur von einem Goldenen Geschlecht – einer Menschengattung, die in einem Idealzustand lebt. Die Erde bringt die benötigte Nahrung im Übermaß hervor – anstrengende Arbeit zum Bebauen der Felder oder der Ernte ist nicht notwendig. Die Menschen sind mit den Göttern befreundet. Ihre Körper altern nicht und sie kennen keine Kriege, Verbrechen und Laster. Paradiesische Zustände also, wie wir sie auch aus der biblischen Erzählung kennen.

Vergils Weiterentwicklung durch Landarbeit

Dieser Mythos wurde danach von den Römern übernommen. Der römische Dichter Vergil präsentiert in seinem Meisterwerk „Aeneis“ aber eine erste Weiterentwicklung: Der von Jupiter entmachtete Saturn flieht nach Latium, übernimmt die Herrschaft und verhilft der Bevölkerung zu einem regionalen Goldenen Zeitalter. Vergils Variante des Mythos verknüpft jedoch die Goldzeitvorstellung mit dem nun doch notwendigen Ackerbau. Seiner Meinung nach seien Spuren der einstmaligen, idealen Sitten im Landleben bis in seine Gegenwart zurückgeblieben.

Ovids Goldenes Zeitalter ohne Furcht und Strafe

Der römische Dichter Ovid gibt dem Mythos ebenfalls eine neue, einprägsame Gestalt. Im ersten Buch seiner „Metamorphosen“ beginnt er die Verherrlichung des Goldenen Zeitalters mit den berühmten Worten „Aurea prima sata est aetas ...“ (Als Erstes entstand das Goldene Zeitalter). „Das Zeitalter, welches wir das Goldene benannt haben, war gesegnet mit den Früchten der Bäume und mit den Kräutern, welche die Erde hervorbringt, und der Mund der Menschen wurde nicht mit Blut befleckt. Damals bewegten die Vögel ihre Schwingen sicher in den Lüften, und der Hase durchstreifte das freie Feld ohne Furcht. Damals wurde der Fisch nicht das arglose Opfer des Menschen. Jeder Ort war ohne Verrat; keine Ungerechtigkeit herrschte – alles war von Frieden erfüllt“, schreibt Ovid und entspricht damit dem Bild Hesiods. Eine Besonderheit in Ovids Schilderung ist allerdings das Motiv des ewigen Frühlings, der ein Leben im Freien ermöglicht. Ovid ist der erste Dichter, der ein stets ausgeglichenes Klima als Merkmal des Goldenen Zeitalters anführt.

Das Goldene Zeitalter der Renaissance

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci verkörperte die goldene Epoche der Renaissance wie kaum ein anderer

Sie gilt als das Zeitalter der Wiedergeburt der Künste, der Wissenschaft und des antiken Wissens. Grund genug, sie als Goldenes Zeitalter zu bezeichnen. Das „dunkle“ oder „finstere“ Mittelalter war vorbei, die Gelehrten konnten sich mit den Lösungen und Problemen der Menschheit beschäftigen. Selbst die immer noch mächtige Kirche konnte den Drang nach Wissen nicht mehr aufhalten. Persönlichkeiten wie Kopernikus, Galilei und Kolumbus prägen diese Zeit, sie bringen alte Weltbilder ins Wanken und bescheren der Menschheit neue Erkenntnisse. Diese Zeit ist auch das Goldene Zeitalter der Kunst und Kultur. Viele bedeutende Bauwerke werden von Meistern wie Leonardo da Vinci und Michelangelo geschaffen. Technische Entwicklungen, wie die des Buchdrucks, führen zur ersten allgemeinen Bildung und Verbreitung der Lyrik, der Prosa und der neuen Lehren und Theorien.

Humanismus nennt sich die neue Geisteshaltung, die den Menschen für sich entdeckt und in den Mittelpunkt von Kunst, Kultur und Wissenschaft rückt. Die Würde und der Wert des Menschen stehen nun im Vordergrund. Systematisch erarbeiten die Humanisten ein neues Menschenbild, ersetzen die gedankenlose Übernahme althergebrachter Weltbilder durch eine kritische Überprüfung mithilfe des Verstandes. Die Begründer des Humanismus waren vor allem Dante Alighieri, Boccaccio, Francesco Petrarca und Pico della Mirandola.

Die goldenen 20er-Jahre

Die goldenen 20er-Jahre

Die 20er-Jahre wurden erst im Nachhinein zum Sinnbild des Aufbruchs in eine neue Ära, die geprägt war von unbändiger Lebensgier und der Befreiung von überholten Sitten

In der Neuzeit dient der Begriff des Goldenen Zeitalters der retrospektiven Charakterisierung von Blütezeiten – im Rückspiegel betrachtet und oft nostalgisch eingefärbt. Dieses Bild idealisiert und stilisiert Vergangenes. Ein gutes Beispiel dafür sind die Goldenen 1920er-Jahre, deren Mythos gerne beschworen wird. Damals ging es den wenigsten Menschen wirklich gut – schon gar nicht golden. Der Kontrast zwischen den tristen Folgen des Ersten Weltkrieges und dem Glamour der kulturellen Avantgarde in den Großstädten lässt dieses Jahrzehnt rückblickend als golden erscheinen. Vor 100 Jahren ist vermutlich kein Lebender auf den Gedanken gekommen, dass dieses Jahrzehnt eines Tages auf diese Weise verbrämt werden sollte. Die Zwanzigerjahre wurden erst im Nachhinein zum Sinnbild des Aufbruchs in eine neue Ära voll unbändiger Lebensgier, Experimentierfreude und der Befreiung von überholten Sitten. Der Mythos von einer flirrenden Zeit der Exzesse, in Kunst, Politik, Wirtschaft und Architektur, kommt mit einem gehörigen Maß an Romantisierung daher. Die Zwanzigerjahre stehen für eine Mischung von Rausch und Ratio, von Aufbruch und Zweifel, Traum und Verführung.

So plötzlich, wie sie begonnen hatte, war die Goldene Dekade auch schon wieder vorbei. Der „Schwarze Freitag“ im Oktober 1929 ließ die Illusion von Reichtum und Wohlstand jäh verpuffen. Binnen zwei Stunden sackten die Kurse ins Bodenlose. Das stilisierte Ideal der Sorglosigkeit hatte ihr Ende gefunden. Bald darauf begann der Zweite Weltkrieg, der keinen Platz für Romantisierung und den vergangenen Glamour ließ.

Das Goldene Zeitalter Hollywoods

Goldenes Zeitalter Hollywoods

Im Goldenen Zeitalter Hollywoods glänzte die „Traumfabrik“ mit Stars wie Charlie Chaplin oder Filmklassikern wie „Vom Winde verweht“

Die Phase zwischen den 1920er- und 1960er-Jahren wird oft als Goldenes Zeitalter Hollywoods bezeichnet. Es ist zugleich die Hochphase des Studiosystems. In Hollywood gab es ideale Bedingungen für die Filmproduktion: Die angenehmen Temperaturen ermöglichten Außendreharbeiten das ganze Jahr über, es gab genügend Arbeitskräfte, wunderschöne Schauspieler und billiges Bauland. Jedes der großen Filmstudios brachte fast wöchentlich einen Film auf den Markt, das Geschäft boomte. Selbst den großen Börsencrash von 1929 überlebte die Filmbranche relativ gut, da sie mithilfe des neu erfundenen Tonfilms einen größeren Markt erobern konnte und so keine Umsatzeinbrüche hatte. Denn viele Menschen gaben ihr letztes Geld für eine Kinokarte aus, um sich in eine Traumwelt entführen zu lassen. Genre-Produktionen wie Gangsterfilme, Western, Musicals und Melodramen wurden wie am Fließband gedreht. 1939 erreichte die Filmindustrie in Hollywood ihren Höhepunkt, ungefähr 177.000 Menschen arbeiteten hier, 338 Filme wurden produziert. Die Filmindustrie brachte in dieser Phase nicht nur sensationelle Filme hervor, sondern auch zahlreiche Schauspieler und Schauspielerinnen, die noch heute zu den erfolgreichsten Hollywoods gehören: Charlie Chaplin, Douglas Fairbanks, Humphrey Bogart, Clark Gable, Kirk Douglas, Cary Grant und James Stewart führten die Riege der männlichen Legenden an. Wunderschöne Schauspielerinnen wie Mary Pickford, Ginger Rogers, Vivien Leigh, Audrey Hepburn oder Ingrid Bergman bezauberten das Publikum: Hollywood glänzte und glitzerte wie Gold.

Die goldene Ära der Supermodels

Die goldene Ära der Supermodels

Supermodels wie Claudia Schiffer oder Kate Moss erlebten in den 1990er-Jahren ihre Hochblüte. Ihr Kultstatus bleibt bis heute unerreicht

Es begann mit einem Foto des Starfotografen Peter Lindbergh für das Cover der Januar-Ausgabe 1990 der britischen „Vogue“. Dieses zeigte seine damaligen fünf Lieblingsmodels: Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford – ein Mythos war geboren. Nichts verkörperte den Zeitgeist der beginnenden 90er-Jahre besser als das Supermodel. Aus nahezu unbekannten Schönheiten wurden Ikonen, die selbst Popgrößen und Filmstars den Rang abliefen. Zu den fünf auserwählten Schönheiten stießen bald Claudia Schiffer, Nadja Auermann und Kate Moss, sie komplettierten die Riege der omnipräsenten Supermodels. Die mächtige Agentur Elite Models hatte sie alle unter Vertrag und trieb die Preise in schwindelerregende Höhen. Die Models verdienten Millionengagen und verzauberten den Laufsteg in Kreationen von weltberühmten Designern. „Für unter 10.000 Dollar am Tag steh ich erst gar nicht auf“, ließ uns Linda Evangelista wissen. Und Naomi Campbell war der Überzeugung: „Ich verdiene eine Menge Geld und bin jeden einzelnen Cent wert!“ Kein Cover der boomenden Modemagazine kam ohne Supermodel aus. Cindy Crawford und Linda Evangelista ergatterten sogar Filmrollen oder spielten in Musikvideos mit.

Die so intensive wie kurzlebige Goldene Ära der Supermodels ging schon nach einem knappen Jahrzehnt wieder zu Ende. Den Kultstatus der damaligen Model-Ikonen, die nicht nur wunderschön waren, sondern es auch verstanden, ihren Nimbus regelmäßig mit Attitüde und Allüren zu füttern, erreichte keine ihrer Nachfolgerinnen mehr.


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