Schmuck aus dem 3D-Drucker

Dass Marie Boltenstern einmal den renommierten Betrieb des Vaters übernehmen würde, war nicht immer klar. Heute kombiniert die studierte Architektin ihre Familiengeschichte mit ihrer Affinität für Innovation. Sie führt damit das traditionelle Handwerk in eine neue Dimension. Und druckt Schmuck in 3D.

Boltenstern-Schmuck aus dem 3D-Drucker
Mit fortschrittlicher Technologie können komplexe geografische Formen geschaffen werden, die haptisch ein besonderes Erlebnis bieten
© Stefan Joham

Boltenstern – ein Name, der in Wien und weit über die Grenzen hinaus für Goldschmiedekunst auf höchstem Niveau steht. Schließlich war Sven Boltenstern, bekannt für seine charakterstarken Einzelstücke, geprägt von Kreativität und vollendeter Perfektion – viel mehr als ein gewöhnlicher Goldschmied. Er war ein Künstler, dessen Objekte eine klar zuordenbare Handschrift trugen und in zahlreichen Einzel- sowie Gruppenausstellungen gezeigt und zum Kauf angeboten wurden. Eine Zeit, an die sich seine Tochter Marie gerne zurückerinnert: „Diese Jahre versprühten einen ganz besonderen Zauber, sie hatten etwas Magisches“, erzählt sie. „An viele dieser Ausstellungsorte kehrten wir immer wieder zurück. Sie wurden für uns zu einer Art Zuhause.“

Um meine Designs zu entwickeln, arbeite ich mit Algorithmen
Marie Boltenstern, Schmuckdesignerin & studierte Architektin

Die Idee zum 3D-Schmuck

Richtig zu Hause fühlte sich Marie Boltenstern auch im väterlichen Atelier, in dem sie als junges Mädchen nach der Schule gerne Zeit verbrachte. In die Wiege gelegt wurde ihr das Handwerk allerdings nicht, betont sie. Vielmehr ist es Teil ihrer Geschichte, ihrer Identität. Das Handwerk war die Passion ihres Vaters. „Mein Werkzeug ist der Computer und meine Leidenschaft die Kombination von Form und Mathematik“, verrät die studierte Architektin. Dass ihre Familiengeschichte und ihre Affinität für Innovation einander nicht ausschließen, erfuhr Boltenstern kurz vor dem Abschluss ihres Studiums. „Ich hörte von einem neuartigen 3D-Drucker, der Stücke direkt aus Goldpulver fertigen kann. Meine Idee, die Marke, die mein Vater aufgebaut hatte, durch Implementierung nachhaltiger Technologie in eine ganz neue Zukunft zu führen, war damit geboren.“ Wenige Wochen später übernahm sie den väterlichen Betrieb, „eine sehr spontane Entscheidung“, erinnert sie sich.

Marie Boltenstern designt ihre Schmuckstücke am Computer

Um ihre Schmuckkreationen zu entwickeln, arbeitet Marie Boltenstern mit Algorithmen

Schmuckdesign auf Basis komplexer Geometrie

Seit 2015 weht nun frischer Wind im „House of Boltenstern“: Gemeinsam mit ihrem siebenköpfigen Team – einem Mix aus langjährigen Mitarbeitern und neuen, internationalen Teammitgliedern – revolutioniert Boltenstern das Traditionshandwerk. Entsprechend ihrer technischen Spezialisierung und großen Leidenschaft für komplexe Geometrie sowie innovative Fabrikationsmethoden werden die Kollektionen allesamt 3D-gedruckt. „Um meine Designs zu entwickeln, arbeite ich mit Algorithmen“, erzählt Boltenstern. Am Anfang steht immer die Idee: „Sie basiert auf einem Gefühl, wie sich das Schmuckstück später anfühlen soll. Durch die fortschrittliche Technologie ist es möglich, agile und bewegliche Formen – bestehend aus Elementen komplexer Geometrie, die ineinandergreifen – zu schaffen, die sich dem Träger anschmiegen und haptisch ein ganz besonderes Erlebnis bieten.“ Sind diese stoffartigen Strukturen in ihrer Geometrie digital vollends ausgearbeitet, geht das Computermodell nach Birmingham zu Boltensterns Produktionspartner. „Dort werden im Zuge des Druckverfahrens Edelmetallpulver Schicht für Schicht verschmolzen und teilweise auch Edelsteine eingefasst – bis das Computermodell letztlich zum Leben erwacht und in seiner Beweglichkeit nicht mehr berechenbar ist.“ Das Faszinierende: „Dadurch wird eine neue Dimension geschaffen.“

Herstellung 3D-Schmuck Boltenstein

Beim 3D-Druckverfahren wird Edelmetallpulver Schicht für Schicht verschmolzen. Es ist außerdem möglich, Edelsteine einzufassen

Tradition trifft Innovation

Gedruckt werden kann in 18-karätigem Gelb-, Rot- und Weißgold sowie in Silber und Platin. Besonders spannend: Jedes der Edelmetalle hat einen eigenen Charakter und verhält sich im Druck unterschiedlich. „Während sich Platin am besten drucken lässt und mit einer nahezu perfekten Oberfläche aus dem Drucker kommt, fällt Silberschmuck eher grobkörniger aus und benötigt mehr Nachbearbeitung. “Ganz ohne Tradition geht es allerdings nicht: „In unserer hauseigenen Werkstatt kümmern sich unsere langjährigen, erfahrenen Goldschmiede mit Präzision um den letzten Feinschliff und schaffen durch glanzvolle Vollendung aus Meisterhand Werte für die Ewigkeit.“ Für Boltenstern die wohl größte Motivation, die sie zudem mit ihrem Vater teilt.


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