Gold in der Alchemie

Alchemisten gelten heute oft als Scharlatane und Quacksalber. In Wahrheit waren sie mehrheitlich seriöse Wissenschaftler, zu deren Entdeckung zwar nicht die Erzeugung von Gold zählte – dafür aber vieles andere, das die Menschheit weiterbrachte.

Gold in der Alchemie: Alchemielabor
Alchemisten erkannten, dass sich jede Materie aus kleinsten Einzelteilen zusammensetzt und legten damit einen Grundstein für zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse.
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Es war ein wahrlich sensationeller Fund, den Fritz Salomon im Jahr 1980 machte. Beim Spielen im familieneigenen Gut Oberstockstall, einem Renaissanceschloss am niederösterreichischen Wagram, entdeckte der damals Zehnjährige unter dem Boden der ehemaligen Sakristei der Schlosskapelle eine verborgene Kammer. Gefüllt war sie mit Erdmaterial und Bauschutt, aber auch mit unzähligen Glas- und Keramikbruchstücken und sogar einigen gut erhaltenen Gefäßen.

Wie sich herausstellen sollte, handelte es sich bei dem Fund, auf den der heutige Starwinzer Salomon damals gestoßen war, um die nahezu komplette Einrichtung des Laboratoriums eines Alchemisten. Also eines Forschenden und Anhängers jener Lehre, die in Europa und dem gesamten Mittelmeerraum über Jahrhunderte als Wissenschaft galt und erst im Laufe des 18. Jahrhunderts von der modernen Chemie und der Pharmakologie ersetzt wurde.

Danach wurde die Alchemie lange Zeit als obskure Scharlatanerie betrachtet, deren wesentlicher Antrieb die Gier und ihre megalomanen Ziele – die Unsterblichkeit sowie die Verwandlung von Blei und weiterer unedler Substanzen in Gold – waren. Doch selbst wenn die Chrysopoeia, wie man die Verwandlung zu Gold nennt, tatsächlich eines der Ziele der Alchemisten war – das einzige war es nicht.

Bekannte Alchemisten & ihre Errungenschaften

Vielmehr vertraten die Anhänger dieser uralten Lehre eine Vorstellung von den Elementen, die sich deutlich vom Unwissen ihrer Zeitgenossen abhob. Sie erkannten, dass sich jede Materie aus kleinsten Einzelteilen zusammensetzt. Und gewannen damit zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse auf ihrer Suche nach dem Stein der Weisen, wie sie den Schlüssel nannten, der eine Transmutation – also eine Umwandlung eines Elementes in ein anderes – möglich machen sollte.


Dschabir ibn Hayyan

Gold in der Alchemie: Dschabir ibn Hayyan alias Geber

Dschabir ibn Hayyan alias Geber

So gilt einer von ihnen, der persisch-arabische Forscher Dschabir ibn Hayyan, der im 8. Jahrhundert lebte, als der erste Wissenschaftler, der eine systematische Einteilung der chemischen Stoffe verfasste. Diese und etliche weitere Schriften Dschabir ibn Hayyans sowie zahlreiche Geräte, die der Gelehrte entwickelte – darunter etwa der Destillierhelm oder die Retorte – gelangten nach Europa, wo sie etliche europäische Kollegen beeinflussten beziehungsweise von ihnen genutzt wurden.


Paracelsus

Gold in der Alchemie: Paracelsus

Theophrastus Bombast von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus

Zu den bekanntesten Alchemisten der Geschichte im deutschsprachigen Raum zählt mit Sicherheit der Arzt und Philosoph Theophrastus Bombast von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus (1493–1541). Der gebürtige Schweizer gilt als Begründer der Toxikologie, also der Lehre von Giftstoffen und deren Behandlung. Paracelsus kam zu der Erkenntnis, dass „alle Dinge Gift sind und nichts ohne Gift ist. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Außerdem forschte er an einem Lebenselixier, dem sogenannten „Aurum Potabile“, dem Trinkgold der Alchemisten. Hergestellt aus purem Gold, das auf geheime Weise verflüssigt und aufwendig im Labor mehrere Monate lang bearbeitet wurde. Paracelsus' Ziel war es, das höchste Allheilmittel zu finden, ein Mittel, das Körper, Geist und Seele gleichermaßen verwandelt. Während Blei symbolisch für Dunkelheit und Krankheit stand, galt Gold als Quelle des Lichts und der Erleuchtung, durch dessen Einnahme Körper und Seele erhellt und geheilt werden können.

Damit reihte sich Paracelsus wie alle anderen Alchemisten in eine Konstante der Geschichte der Menschheit ein. Denn in so gut wie allen Kulturen symbolisierte Gold stets das Licht und die Kraft der Sonne. Und in sehr vielen galt es als Heilmittel . Erste Hinweise dafür finden sich in mehr als 4.500 Jahre alten Hieroglyphen. Die Ägypter waren überzeugt, Gold heile Geist und Körper. Und auch in der traditionellen Chinesischen Medizin wurde und wird bis heute Gold eingesetzt. Später schwor der französische Naturwissenschaftler und Philosoph René Descartes darauf und versprach sich durch seine Einnahme ein langes Leben.


Johann Friedrich Böttger

Gold in der Alchemie: Johann Friedrich Böttger

Johann Friedrich Böttger

Einem weiteren Mitglied der „Schwarzen Kunst“, wie man die Alchemie auch nennt, dem 1682 in Thüringen geborenen Johann Friedrich Böttger, gelang zwar nicht die Goldgewinnung, dafür erfand er das Porzellan. Doch zuvor, im Jahr 1701, wollen gleich vier Zeugen mit angesehen haben, wie Böttger Silber in Gold umwandelte. Die Nachricht von seinen Fähigkeiten machte schnell die Runde durch die deutschen Lande. Diverse Herrscher versuchten, sich seine Fähigkeiten zu Diensten zu machen und rissen sich förmlich um ihn. Unter ihnen etwa der König von Preußen oder der Kurfürst von Sachsen. Schließlich entschied der Letztgenannte, August der Starke, den Kampf für sich und sperrte Böttger über zwölf Jahre in mehr oder weniger luxuriöse Kerker mit angeschlossenen Laboratorien ein.

1705 verpflichtete sich der gelernte Apotheker, seinem Herrn bis Ende des Jahres Gold im Wert von zehn Millionen Talern sowie jährlich Gold im Wert von zweihunderttausend Dukaten zu liefern. Das konnte Böttger freilich nicht, weswegen er wie viele seiner Kollegen harte Bestrafungen zu befürchten hatte. Unter diesem enormen Druck gelang ihm dann die Entdeckung des Porzellans, das bis dahin ausschließlich in China erzeugt wurde. Und für das die europäischen Herrscher Unsummen ausgaben und es deshalb das „Weiße Gold“ nannten. Böttgers Erfindung führte zur Gründung der weltberühmten und bis heute bestehenden Porzellanmanufaktur in Meißen, deren Leiter er später wurde. Doch kurz darauf starb er mit 37 Jahren, weil er, wie vermutet wird, über viel zu lange Zeit und in viel zu großen Mengen die toxischen Dämpfe in den Laboratorien einatmete.


Sir Isaac Newton

Gold in der Alchemie: Sir Isaac Newton

Sir Isaac Newton

Für viele überraschend indessen mag scheinen, dass sich auch Sir Isaac Newton (1642-1727) ganz offenbar intensiv mit der alten Lehre befasste. Jener Mann, der als Vater der modernen Wissenschaft gilt, der außer Physik, Mathematik und Astronomie noch Philosophie studierte, wandte sich obendrein und mit Leidenschaft auch der „Schwarzen Kunst“ zu. Das belegt ein Manuskript Newtons, das in den Archiven der Royal Society zum Vorschein kam. Und in dem in der codierten Sprache der Alchemisten immer wieder vom „großen Geheimnis der Transmutation“ die Rede war. Heute weiß man, dass Newton am Tag Physik an der Universität Cambridge unterrichtete und in der Nacht ins Laboratorium ging, um nach dem Stein der Weisen zu suchen.

Manche Historiker nehmen sogar an, dass sich Newton nur deswegen mit allen anderen Materien befasste, um seine alchemistischen Recherchen voranzutreiben. Gut möglich also, dass der „letzte Magier“ – wie Newton wegen seiner stets geheim gehaltenen Vorliebe fürs nächtliche Rühren, Mischen, Destillieren und Kochen auch genannt wird – nur dank der Alchemie auf so manche Erkenntnis gestoßen ist. Dazu zählen immerhin so gleichermaßen wesentliche wie nüchterne wissenschaftliche Entdeckungen wie die Infinitesimalrechnung oder das Newtonsche Gravitationsgesetz.


Gold erzeugen durch Transmutation

Im Gegensatz zum Wissensstand früherer Zeiten, als die Transmutation keineswegs unerreichbar schien, ist heute freilich klar, dass sie ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und dass chemische Reaktionen zwar den Bindungszustand eines Elementes verändern können, nicht aber seine atomare Natur. Denn auch wenn Blei auf noch so einfallsreiche Weise mit anderen Substanzen kombiniert wird: Bleiatome bleiben doch immer Bleiatome. Und so haben die Alchemisten wohl über Jahrhunderte akribisch geforscht, ohne jemals den Stein der Weisen zu finden oder gar Gold zu erzeugen.
Das bedeutet allerdings nur, dass eine Transmutation, also eine Umwandlung, chemisch nicht möglich ist. Physisch ist sie das nämlich sehr wohl. Und zwar mit Teilchenkanonen und gigantischen Beschleunigerringen – einem gewaltigen technischen Aufwand also – und einer derart großen Menge an Energie, die benötigt wird, um nur sehr geringe Mengen an Gold zu erzeugen. So, dass der Prozess – in gewisser Weise der heutige Stein der Weisen – zwar technisch machbar wäre, sich aber keinesfalls auszahlt.

In Kirchberg am Wagram, jener Ortschaft, in dem Gut Oberstockstall liegt, wurde indessen dem Fund des Alchemisten-Laboratoriums ein kleines Museum gewidmet. Dem Besucher bietet es einen einzigartigen Einblick in eine oft missverstandene, viel zu häufig verunglimpfte und bisweilen vergessene Lehre, die zwar an einigen ihrer Ziele gescheitert ist, die Wissenschaft aber trotzdem entscheidend bereichert hat.


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