Das Comeback von Taschenuhren

Einst als Wunder von Fortschritt und Handwerkskunst gefeiert, begeistern Taschenuhren heute wieder. Mit ihrer zeitlosen Ästhetik und faszinierenden Mechanik sind sie ein klares Statement gegen Schnelllebigkeit und kopflosen Konsum und – ähnlich wie Gold – ein Zeichen von Beständigkeit, Raffinesse und Formvollendung.

Das Comeback von Taschenuhren
Ab dem 18. Jahrhundert galten Taschenuhren als hochwertige Schmuckstücke, die repräsentativ an einer am Gürtel befestigten Kette oder als Medaillon um den Hals getragen wurden.
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Vor der Erfindung der ersten Taschenuhr im frühen 15. Jahrhundert wurden mechanische Uhren durch an langen Ketten angebrachte Gewichte betrieben und waren daher ausschließlich als Turm- beziehungsweise Großuhren realisierbar. Erst die Entwicklung des Federantriebs ermöglichte es, mechanische Zeitmesser zu schrumpfen – was kleinere Formate wie kunstvoll verzierte Tischuhren gestattete.

Doch um die tickenden Wunderwerke so downzusizen, dass sie in eine Hosen- beziehungsweise Westentasche passten oder am Körper getragen werden konnten, bedurfte es erst der Kombination des Federantriebs mit einem Hemmmechanismus. Lange wurde diese technische Meisterleistung dem deutschen Schlossermeister Peter Henlein (1479-1542) zugeschrieben, wenngleich heute historisch belegt ist, dass dieses Triebwerk schon davor Anwendung fand. Bereits im Jahr 1477 erwähnt es der Augustinerpater Paulus Amanus in seinem Uhrenbuch, tragbare Zeitmesser aus dieser Epoche wurden auch schon auf italienischen, französischen und deutschen Gemälden abgebildet.

Das „Nürnberger Ei“

Henlein baute jedoch nachweislich Uhren in Form hoher zylindrischer Dosen sowie kleiner Kugeln, die besagten Mechanismus aufwiesen. Auch die berühmteste erhaltene Taschenuhr dieser Zeit, Henleins “Nürnberger Ei“, das vermutlich erst um 1550 gefertigt wurde, stammt nicht aus seiner Hand. Da das Anbringen von Signaturen sowie Firmennamen und Firmenlogos bis ins 19. Jahrhundert unüblich war, können heute die tatsächlichen Hersteller oft nur aufgrund spezifischer Bauarten oder Gravuren bestimmten Personen oder Manufakturen zugeordnet werden.

Mit etwa neunzig Bauteilen war das „Nürnberger Ei“ durch ein raffiniertes Stift- und Stecksystem zerlegbar, zur damaligen Zeit ein wahres Wunderwerk der Feinmechanik. Die meisten Komponenten waren geschmiedet und aufs Feinste zurechtgefeilt, um trotz kleinster Dimensionen äußerste Passgenauigkeit zu gewähren. Aufgrund der Unrasthemmungen und der daraus resultierenden Gangungenauigkeit von etwa zehn Minuten pro Tag ist das Zifferblatt nur mit einem Stundenzeiger ausgestattet. Minutenzeiger tauchen erst ab der Mitte des 17. Jahrhunderts auf.

Die ersten Taschenuhren

Hergestellt wurden diese ersten Taschenuhren üblicherweise von Schlossern oder Büchsenmachern, die sie mit aus Eisen geschmiedeten Werken und zylindrischen, verzierten Messinggehäusen ausstatteten. Sie wurden als Dosen- oder Sackuhren bezeichnet und in einem Beutel verwahrt, der mittels einer Kordel am Gewand befestigt wurde. Die Bezeichnung „Ei“ leitet sich nicht von der manchmal ovalen Gestalt der Uhren ab, sondern dürfte eine Verballhornung von „Aeurlein“, also Ührlein sein. Eine besondere Taschenuhren-Kuriosität stellen die sogenannten „Bisamapfeluhren“ dar, die in – im Mittelalter beliebte – Riechkugeln eingebaut wurden. Diese durchbrochenen, reich verzierten Hohlkugeln hatten ursprünglich ein oder mehrere zentrale Abteile, die mit Riechsubstanzen wie Bisam, Moschus oder Ambra gefüllt waren. Sie dienten ob der damaligen schlechten hygienischen Bedingungen als vermeintlicher Schutz vor Krankheiten und zum Übertünchen miserabler Gerüche. Die älteste, vollständig erhaltene „Bisamapfel“-Taschenuhr soll Philipp Melanchthon gehört haben und ist mit einer Gravur aus dem Jahr 1530 versehen.

Die Weiterentwicklung der Taschenuhr

1565 wurde in Deutschland die erste Zunft der Kleinuhrmacher gegründet und legte durch die Spezialisierung der Kunsthandwerker den Grundstein für weitere Innovationen. Neu entwickelte Werkzeuge, wie der eiserne Schraubstock, erlaubten die immer präzisere Bearbeitung härtester Werkstoffe in noch kleineren Formaten. 1575 gab es die erste Taschenuhr mit Wecker, 1632 erstmals mit farbigen Emaille-Malereien für das Zifferblatt. Und 1674 fertigte der Franzose Isaac Thuret die erste Taschenuhr mit Spiralfeder – und damit einer höheren Ganggenauigkeit. Ende des 17. Jahrhunderts wurden die ersten Taschenuhren mit Spindelhemmung hergestellt und konnten nun dank der weiter erhöhten Präzision mit Minutenzeigern ausgestattet werden.

Ab dem 18. Jahrhundert sind Taschenuhren hochwertige Schmuckstücke mit Goldgehäusen, die repräsentativ an einer am Gürtel befestigten Kette (Châtelaine) oder um den Hals als Medaillon getragen wurden – von Männern und feinen Damen, die oft mehrere dieser Prestigeobjekte zugleich ausführten. Oft mit Edelsteinen besetzt sowie aufwendig graviert oder bearbeitet , reichte ihre Formenvielfalt von Kreuzen über Sterne bis hin zu fantasievollen Schmuckgebilden. Mit der Erfindung des schlüssellosen Kronenaufzugs 1842, der den bis dahin lose beigefügten Schlüssel zum Aufzug des Uhrwerks ersetzte, fanden die Taschenuhren ihr bis heute verbreitetes Aussehen.

Dabei unterscheidet man zwischen der „offenen“, deckellosen „Lépine“-Taschenuhr, bei der die Aufzugskrone bei zwölf Uhr auf gleicher Achse zur Sekundenanzeige liegt und nach dem französischen Uhrmacher Jean-Antoine Lépine benannt ist, und dem geschlossenen Savonnette-Typ. Im Gegensatz zur offenen Bauform besitzt das Savonnette-Gehäuse ob seines Sprungdeckels zwei Böden und die Sekundenanzeige ist bei sechs Uhr platziert. Das erleichtert die Handhabung sowie Ablesbarkeit und wurde später bei Armbanduhren übernommen.

Die berühmtesten Taschenuhren

Dank nunmehriger industrieller Fertigung waren Taschenuhren nicht mehr ausschließlich dem Hochadel sowie Superreichen zugängig, sondern auch für die gehobene Mittelschicht leistbar. Diese Zeitspanne brachte einige der berühmtesten Taschenuhren hervor.

„Supercomplication“ von Patek Philippe

Allen voran die „Supercomplication“ der Schweizer Manufaktur Patek Philippe. Sie wurde 1925 vom amerikanischen Geschäftsmann Henry Graves jr. in Auftrag gegeben, angeblich um die ebenfalls von Patek Philippe stammende Taschenuhr „Grande Complication“ des amerikanischen Autoherstellers James Ward Packard zu übertreffen. Mit 24 Komplikationen, darunter ein ewiger Kalender, Sonnenauf- und Sonnenuntergangszeiten sowie eine Himmelskarte, die den Nachthimmel über Graves Haus in New York zeigte, ging die aus 18 Karat Gelbgold gefertigte „Supercomplication“ auch als die teuerste Taschenuhr der Welt in die Geschichte ein. 2014 wurde sie für die unglaubliche Summe von rund 21 Millionen Euro bei Sotheby‘s versteigert.

„Grande Complication“ von A. Lange & Söhne

Taschenuhr "Grande Complication" von A. Lange & Söhne

Die Taschenuhr Nr. 42500 „Grande Complication“ von A. Lange & Söhne aus dem Jahr 1902 verfügt u. a. über ein selbstschlagendes Schlagwerk mit großem und kleinem Geläut, eine Minutenrepetition, einen Schleppzeiger-Chronographen mit Minutenzähler und blitzender Sekunde sowie einen ewigen Kalender.

Weniger teuer und kompliziert, dafür aber mit Wien-Bezug ist die „Grande Complication“ mit der Nummer 42500 von A. Lange & Söhne. Laut Werksbüchern enthält diese Kostbarkeit von unschätzbar hohem Wert das wahrscheinlich komplizierteste, seltenste und historisch bedeutendste Uhrwerk der deutschen Uhrenmanufaktur. Das Roségold -Einzelstück wurde im Jahr 1902 für 5.600 Mark an einen Wiener Privatmann verkauft – damals entsprach dies dem Gegenwert eines größeren Hauses. Sie tauchte im Jahr 2001 zufällig wieder auf und wurde in neunjähriger Arbeit achtsam restauriert.

Mahatma Gandhis Zenith-Taschenuhr

Einen besonderen emotionalen Wert hingegen weist die Taschenuhr von Mahatma Gandhi auf, dessen einziger persönlicher Besitz angeblich aus drei Büchern, drei geschnitzten Äffchen aus Elfenbein und einer Zenith-Taschenuhr bestand. Er bekam sie von seinem Freund Jawaharlal Nehru, Indiens damaligem Premierminister, geschenkt. Ghandi schätzte seinen Taschenwecker sehr, da er das Zifferblatt gut ablesen konnte und das melodische Klingeln ihm dabei half, seine Reisen zu strukturieren und die Gebetszeiten einzuhalten.

„Marie-Antoinette Grande Complication N°1160“ von Breguet

Taschenuhr „Marie-Antoinette Grande Complication N°1160“ von Breguet

Die originaltreue Replika der legendären Taschenuhr „Marie-Antoinette Grande Complication N°1160“ von Breguet wurde 2008 lanciert und offenbart eine Fülle von Komplikationen, etwa einen ewigen Kalender, ein Bimetall-Thermometer, springende Stunden, eine kleine Sekunde und eine Gangreserve von 48 Std.

Legendär ist die Geschichte der Taschenuhr „Marie-Antoinette Grande Complication N°1160“ von Breguet. Abraham-Louis Breguet bekam 1783 als damaliger Hoflieferant des französischen Kaisers vom schwedischen Grafen Hans Axel von Fersen, einem Bewunderer von Marie-Antoinette, einen speziellen Auftrag. Er sollte für die Königin ohne Limit von Zeit oder Kosten die spektakulärste Uhr erschaffen, die das gesamte uhrmacherische Savoir-faire der damaligen Zeit in einer Taschenuhr vereinte. Zudem wurde präzisiert, dass Gold so weit wie möglich alle anderen Metalle zu ersetzen habe und die Komplikationen mehrfach und vielfältig sein müssten. Die Königin sollte diesen Zeitmesser jedoch nie bewundern können, da dieser erst 1827, ganze 34 Jahre nach ihrem Tod, fertiggestellt wurde. Nach mehreren Besitzerwechseln landete diese einzigartige Taschenuhr in einem Museum in Jerusalem und wurde 1983 von dort gestohlen . 2005 beschloss Nicolas G. Hayek, Gründer sowie Präsident der Swatch Group, zu der auch die Marke Breguet zählt, diese Uhr so genau wie möglich zu reproduzieren. Just im Jahr 2008, in dem die kunstvolle Replika lanciert wurde, tauchte auch das gestohlene Original wieder auf. Mit einem Schätzwert von 30 Millionen Dollar könnte sie bei einer Versteigerung sogar die „Supercomplication“ von Patek Philippe übertreffen.

Moderne Taschenuhren

Doch auch moderne Taschenuhren lassen das Herz von Sammlern und Uhrenliebhabern höherschlagen. Nach dem berühmten Zitat des französischen Sozialisten Jean Jaurès „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ vereinen exklusive, moderne Sammlerstücke nicht nur jahrhundertealte Handwerkskünste. Ihre Werke werden mit neuen technischen Raffinessen ausgestattet und stehen ihren Vorgängern in nichts nach.

Taschenuhr „Referenz 57260“ von Vacheron Constantin

Die „Referenz 57260“ von Vacheron Constantin mit doppeltem Zifferblatt gilt als die komplizierteste Uhr der Welt. An ihrer Fertigung haben drei Meisteruhrmacher acht Jahre gearbeitet, um 57 teilweise ganz neu erschaffene Komplikationen zu integrieren.

So hält die 2015 von der Nobelmanufaktur Vacheron Constantin lancierte weißgoldene Taschenuhr „Referenz 57260“ mit unglaublichen 57 Komplikationen den Rekord der kompliziertesten Uhr der Welt. Neben faszinierender und höchst komplexer Feinmechanik sind es auch kunstvoll gestaltete Zifferblätter und Gehäuse, die die Attraktivität und den Wert einer Uhr erhöhen. Dazu zählen feine Metallarbeiten wie formvollendete Gravuren oder Ziselierungen sowie eindrucksvolle Miniaturmalereien und Holzeinlegearbeiten oder zauberhafte Emaille-Kunst, wie sie insbesondere die Marken Cartier, Vacheron Constantin oder Jaeger-LeCoultre zelebrieren.

Abseits von solch ausgewählten hochkomplizierten Sammlerobjekten erlebt die Taschenuhr immer noch im Rahmen bestehender Dresscodes beim eleganten Frack ein Revival. Manchmal ist es aber auch das zeitgeistige, innovative Design, das die tickenden Kleinode begehrenswert macht.  Doch ganz gleich, ob modernes Design oder traditioneller Look, aus Gold, Stahl, Platin oder Bronze gefertigt – seit nunmehr über 500 Jahren ist die Begeisterung für diese speziellen Zeitmesser ungebrochen und wird es sicher noch lange sein.


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